Angeblich steht uns ja wieder mal ein Paradigmenwechsel ins Haus. Der Laptop hat ausgedient, die lokale Platte dient nur noch als Cache, der Webtop kommt. Alles ins Web. Husch, husch.

Etwas Zeit soll zwar noch ins Land gehen, dann wird er aber kommen, sagen die Analysten. Wir arbeiten mit Anwendungen online im Browser, die Daten speichern wir im Web. Man hat nun gemerkt, dass die Unternehmen skeptisch sind. Also sollen es die Privatanwender richten – und das ganze Zeugs ins Unternehmen bringen. Das spart nämlich Schulungskosten, sagt man. Und da wären wir auch schon bei den angeblichen, weiteren Vorteilen:

  • Die Integration verschiedener Tools innerhalb neuer Web-Anwendungen schafft für die Mitarbeiter häufig hohe Mehrwerte und spart Zeit. Steht in der aktuellen Computerwoche. Ich habe den Satz mehrfach gelesen und ihn weder verstanden noch irgendwas gefunden, was nur als Webtop läuft. Nun ja, begrenzte Vorstellungskraft.
  • Lizenz-, Wartungs- und Supportkosten sollen sich sparen lassen. Ja, schaun mer mal, umsonst wird’s Webtops auch nicht geben. Vor allem dann nicht, wenn die Anbieter die Abhängigkeit der Kunden erkannt haben.
  • Implementierungs- und Trainingsaufwendungen sollen auch niedriger sein, sagen die Analysten, wenn entsprechende Erfahrungen vorliegen. Richtig: Wenn dann mal Erfahrungen vorliegen. Vielleicht sollten wir dann diesen Punkt nochmals aufgreifen.
  • Mobilität und Flexibilität werden unterstützt. Richtig. Aber auch dazu brauche ich keinen Webtop.

Schöne Szenarien gibt es dazu auch. Dass Information über RSS gut ist – keine Frage. Ein Alleinstellungsmerkmal ist das nicht, dazu braucht es auch keinen Webtop. Oder das Blogs Kommentare archivieren. Ja, machen Blogs. Kommentare wozu? Social Networking-Tools erleichtern die Kommunikation. Hervorragend. Ja, es gibt tatsächlich sinnvolle Anwendungen.

Nur: All diese Punkte können nicht belegen, warum wir dazu unbedingt den Webtop brauchen. All das kann auch im Firmennetz, gen Internet geöffnet für zugelassene Nutzer, hervorragend funktionieren.

Wir bewegen uns in einer Wissensgesellschaft, in der Wettbewerb und Wettbewerbsvorteile zunehmend durch Wissen bestimmt werden. Da werden ein paar Fragen doch gestattet sein:

  • Wie sieht die 100 %-ige Datensicherheits- und -schutzgarantie aus? Wir reden hier ja nur um das Rückgrat eines Unternehmens: Dessen Wissen.
  • Wer garantiert mir, dass der Anbieter nicht doch plötzlich “böse” wird, auch wenn er hoch und heilig gegoogeltschworen hat, das nicht zu werden? Immerhin begebe ich mich in eine fast nicht mehr umkehrbare Abhängigkeit.
  • Apropos Abhängigkeit: Was passiert eigentlich, wenn ich die Lieferantenbeziehung dann doch mal wieder lösen möchte? Hoffentlich gelingt es ohne lange Auseinandersetzungen, wieder an die Buchhaltungs- und Kundendaten zu kommen…
  • Wie bekomme ich die Daten, die über zig Server unterschiedlicher Softwareanbieter irgendwo im Web verteilt sind, jemals wieder konsolidiert?
  • Wie vermeide ich in diesen Szenarien redundante Datenhaltungen mit allen bekannten Problemen?
  • Was passiert, wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – vom Internet abgeklemmt werde?

Wir reden hier nicht um ein paar Euro Kosteneinsparungen hier und dort, wir reden auch nicht primär darüber, wie wir das Arbeiten bestmöglich unterstützen können. Wir reden hier über nichts weiter als eine strategische Entscheidung von Unternehmen: Was sind Unternehmensdaten und (digitales) Unternehmenswissen wert und wie stellt man bestmöglich sicher, dass damit nichts ungewünschtes passiert.

Die Diskussion, ob das Ganze von den Anbietern über Werbung (quer-)finanziert wird, erscheint aus dieser Sicht wie eine Themaverfehlung im Schulaufsatz Businessplan.

Ich habe ja nun nichts gegen Innovationen und Technologien im Allgemeinen und Besonderen. Ganz im Gegenteil. Die gleichen Technologien installiert auf firmeneigenen Servern und Datenbanken, und nicht im unbeherrschbaren Internet bei Google und Konsorten – ich wäre der erste, der das einsetzt. Denn dann würde der Nutzen wirklich überzeugen.

Kleine Selbständige und Freiberufler sollen die ersten sein, die auf diesen Zug aufspringen. Meinen Kunden und Partnern verspreche ich, dass ich mit ihren Daten sorgfältig und sehr verantwortlich umgehe. Deswegen werde ich nicht mal der letzte sein, der auf diesen Zug aufspringt.

Und die Nadel für die Blase halte ich schon mal bereit…

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Geschrieben von Alexander Greisle am 21. Juli 2006, Lizenz
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