Wußten Sie, dass alle Ameisen dieser Erde zusammengenommen etwa genauso viel wiegen wie alle Menschen? Nicht, dass das etwas mit Schwarmintelligenz zu tun hätte, interessant finde ich es trotzdem. Im National Geographic Deutschland gibt es in der Ausgabe August 2007 einen umfassenden, sehr spannenden und gewohnt faszinierend bebilderten Beitrag zur Schwarmintelligenz. Einen kurzen Teaser können Sie auch online lesen.

“Ein Beispiel sind die Massendemonstrationen von Globalisierungsgegnern. Zu beobachten im Juni 2007 in Deutschland, im Umfeld des sogenannten G-8-Gipfels: Vor allem die gewaltbereiten Randalierer informierten sich per Handy kontinuierlich gegenseitig über die Bewegungen der Polizei. Eine früher eher unkoordiniert handelnde Masse wurde zu einem ‘schlauen Schwarm’, der sich bei Vorstößen der Polizei immer wieder aufteilte und an anderer Stelle neu zusammenfand.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis

Ich will Ihnen und mir nachfolgend einige Gedanken und Aussagen des Artikels festhalten. Nicht den Artikel ersetzend, nicht vollständig, nicht perfekt ausformuliert. Eher ein kleines, spontan mitgeschriebenes Exzerpt.

Grundlegendes

  • Definition Schwarmintelligenz anhand von Ameisen: Eine Ameisenkolonie findet Lösungen, die für eine einzelne Ameise unmöglich zu finden wäre. Gemeinsam können sie schnell und effizient auf Veränderungen und Herausforderungen reagieren.
  • Kein Tier begreift das große Ganze, aber jedes leistet einen kleinen, trotzdem erfolgsentscheidenden, Beitrag zur Gesamtlösung.
  • Es gibt keine Oberbefehlshaber. Selbst die so genannte Königin einer Ameisenkolonie nicht, sie ist lediglich zum Eierlegen da.
    Ist das der wesentliche Unterschied zu Unternehmen?
  • Es gibt keine Verwaltung.
    Ein zweiter wesentlicher Unterschied?

Information, Entscheidung, Koordination

  • Statt dessen gibt es hoch effiziente Abstimmungsprozesse zur Koordination und Entscheidungsfindung. Wichtig dabei: Mehrere Koordinationskontakte in kurzem Abstand sind dafür nötig.
    Wie können wir Arbeitsinfrastrukturen schaffen, die das ermöglichen? Wie können wir unsere Führungssysteme zu gestalten, dass dieses Vorgehen honoriert und gefördert wird?
  • Basierend auf dieser Koordination übernehmen die Arbeiterinnen einer Kolonie bedarfsorientiert verschiedene Aufgaben. Das basiert nicht auf einer gefällten Entscheidung, sondern aufgrund der impliziten Koordination im Kollektiv.
  • Ameisen beurteilen aufgrund der Häufigkeit einer gewonnenen Information, ob sie dieser gefahrlos vertrauen und danach handeln können. Wichtig dabei: Unterschiedlichen Informationsquellen.
    Wie finden wir heraus, ob eine häufig erhaltene Information nicht doch der gleichen Ursprungsquelle entspringt? Kann die Vernetzung von Blogs da etwas beitragen oder läuft gerade die Blogszene in diese Falle?
“Honigbienen sind anfangs verschiedener Meinung über den optimalen Ort für ein neues [nach dem Bau nicht mehr verlegbares] Nest. Dennoch wählt die Gruppe oft die optimale Stelle. Vor der Entscheidung werden alle Informationen von allen bewertet, dann wird abgestimmt.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis

  • Bienen informieren sich mit genau festgelegten Tanzbewegungen.
    In welchen wirtschaftlichen Bereichen können genau definierte Informationssets hilfreich sein und wie könnten diese aussehen (vielleicht nicht gerade Tanzbewegungen ;-)?
  • Die Entscheidung fällt vor Ort durch Kundschafterbienen, nicht im Gremium des Hauptschwarms. Kommt eine Kundschafterbiene zu einer Alternative und ist “überzeugt”, dann macht sie Werbung für den Nistplatz. Ist ein bestimmter Schwellenwert von werbenden Bienen überschritten, dann ist die Entscheidung gefallen und der gesamte Schwarm wird benachrichtigt.
    Was sind die Voraussetzungen, dass dieses Prinzip bei menschlicher Entscheidungsfindung auch funktioniert? Welche Rolle spielen Firmenpolitik, Mind-Sets, Sozialisation und Persönlichkeit?
  • “Kluge Gruppen” können diese Prinzipien nutzen (James Surowiecki). Voraussetzung: Mitglieder denken unabhängig und nutzen neutrale Entscheidungsmechanismen.
    Heißt “unabhängig” strikt Lösungsbezogen? Beeinflußen – und wenn ja: wie – persönliche Historien und Befindlichkeiten den Prozess?
“Wenn ein Räuber einen Fischschwarm angreift, kann eine Gruppe sich so formieren, dass ein einzelnes Tier sich kaum mehr verfolgen lässt. Der Schwarm stiebt auseinander, bildet um den Räuber einen Tunnel oder teilt sich in Gruppen auf, die sich kurz danach wieder zusammenschließen.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis

  • Koordination funktioniert im Tierreich einfache, über jahrtausende bewährte Regeln.
    Diese, manchmal auch als “heimliche Spielregeln” bezeichneten, Mechanismen gibt es auch in Firmen. Wie können diese im Sinne der Schwarmintelligenz besser nutzbar gemacht werden?
  • Zentraler, einfacher Grundsatz: “Jeder achtet auf seinen Nachbarn”.
    Wie kann die Kultur so aufgebaut werden? Welche Werkzeuge helfen diesbezüglich bei Führung und Zusammenarbeit?

Schwarmintelligenz hat nichts mit blindem Gehorsam zu tun

“Massen sind nur klug, wenn ihre einzelnen Mitglieder verantwortungsbewusst handeln und eigene Entscheidungen treffen. Eine Gruppe ist nicht schlau, wenn die Einzelnen einander nachahmen oder warten, bis ihnen jemand sagt, was sie zu tun haben.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis

Praktische Einsatzbeispiele

  • Preisbestimmung für zukünftige Ernten (Börse Chicago)
  • Routenplanung für LKWs, Flugpläne von Fluggesellschaften
  • Lieferlogistik für Flüssiggas in hoch preiselastischen Märkten bei starken Verbrauchsschwankungen (Air Liquide, Houston, Texas)
  • Pünktlichere Paketauslieferung bei gestörten Transportketten (Siemens)
  • Produktionsplanung bei dezentral beschafften Einzelteilen (Siemens)
  • Gesprächsvermittlung in Telefonnetzen (England und Frankreich)
  • Fakultätssitzungen zur Entscheidungsfindung
  • Steuerung von Robotern (Rettung, Militär, Kontrolle, Reinigen…)
  • Schwarmoide: Zusammenarbeitende Roboter mit sich ergänzenden Funktionalitäten
  • Unfallvermeidung durch sich selbst koordinierende Fahrzeuge
  • Ranking-Algorithmen von Suchmaschinen für die Seitenbewertung

Viele technologische Beispiele, aber auch eines aus dem Bereich der Zusammenarbeit. Kennen Sie weitere? Wo können Sie sich Aspekte der Schwarmintelligenz im eigenen Arbeitsalltag vorstellen?

Quelle: Peter Miller, “Schwarmintelligenz. Ameisen, Bienen und Stare weisen uns neue Wege, komplexe Probleme zu lösen” in: National Geographic Deutschland, August 2007, S. 42-63 (Online-Teaser)

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Geschrieben von Alexander Greisle am 29. Juli 2007, Lizenz
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