Schwarmintelligenz: Die einzelne Ameise ist nicht clever, Ameisenkolonien hingegen schon.
Wußten Sie, dass alle Ameisen dieser Erde zusammengenommen etwa genauso viel wiegen wie alle Menschen? Nicht, dass das etwas mit Schwarmintelligenz zu tun hätte, interessant finde ich es trotzdem. Im National Geographic Deutschland gibt es in der Ausgabe August 2007 einen umfassenden, sehr spannenden und gewohnt faszinierend bebilderten Beitrag zur Schwarmintelligenz. Einen kurzen Teaser können Sie auch online lesen.
“Ein Beispiel sind die Massendemonstrationen von Globalisierungsgegnern. Zu beobachten im Juni 2007 in Deutschland, im Umfeld des sogenannten G-8-Gipfels: Vor allem die gewaltbereiten Randalierer informierten sich per Handy kontinuierlich gegenseitig über die Bewegungen der Polizei. Eine früher eher unkoordiniert handelnde Masse wurde zu einem ‘schlauen Schwarm’, der sich bei Vorstößen der Polizei immer wieder aufteilte und an anderer Stelle neu zusammenfand.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis
Ich will Ihnen und mir nachfolgend einige Gedanken und Aussagen des Artikels festhalten. Nicht den Artikel ersetzend, nicht vollständig, nicht perfekt ausformuliert. Eher ein kleines, spontan mitgeschriebenes Exzerpt.
- Definition Schwarmintelligenz anhand von Ameisen: Eine Ameisenkolonie findet Lösungen, die für eine einzelne Ameise unmöglich zu finden wäre. Gemeinsam können sie schnell und effizient auf Veränderungen und Herausforderungen reagieren.
- Kein Tier begreift das große Ganze, aber jedes leistet einen kleinen, trotzdem erfolgsentscheidenden, Beitrag zur Gesamtlösung.
- Es gibt keine Oberbefehlshaber. Selbst die so genannte Königin einer Ameisenkolonie nicht, sie ist lediglich zum Eierlegen da.
Ist das der wesentliche Unterschied zu Unternehmen?
- Es gibt keine Verwaltung.
Ein zweiter wesentlicher Unterschied?
Information, Entscheidung, Koordination
- Statt dessen gibt es hoch effiziente Abstimmungsprozesse zur Koordination und Entscheidungsfindung. Wichtig dabei: Mehrere Koordinationskontakte in kurzem Abstand sind dafür nötig.
Wie können wir Arbeitsinfrastrukturen schaffen, die das ermöglichen? Wie können wir unsere Führungssysteme zu gestalten, dass dieses Vorgehen honoriert und gefördert wird?
- Basierend auf dieser Koordination übernehmen die Arbeiterinnen einer Kolonie bedarfsorientiert verschiedene Aufgaben. Das basiert nicht auf einer gefällten Entscheidung, sondern aufgrund der impliziten Koordination im Kollektiv.
- Ameisen beurteilen aufgrund der Häufigkeit einer gewonnenen Information, ob sie dieser gefahrlos vertrauen und danach handeln können. Wichtig dabei: Unterschiedlichen Informationsquellen.
Wie finden wir heraus, ob eine häufig erhaltene Information nicht doch der gleichen Ursprungsquelle entspringt? Kann die Vernetzung von Blogs da etwas beitragen oder läuft gerade die Blogszene in diese Falle?
“Honigbienen sind anfangs verschiedener Meinung über den optimalen Ort für ein neues [nach dem Bau nicht mehr verlegbares] Nest. Dennoch wählt die Gruppe oft die optimale Stelle. Vor der Entscheidung werden alle Informationen von allen bewertet, dann wird abgestimmt.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis
- Bienen informieren sich mit genau festgelegten Tanzbewegungen.
In welchen wirtschaftlichen Bereichen können genau definierte Informationssets hilfreich sein und wie könnten diese aussehen (vielleicht nicht gerade Tanzbewegungen ;-)?
- Die Entscheidung fällt vor Ort durch Kundschafterbienen, nicht im Gremium des Hauptschwarms. Kommt eine Kundschafterbiene zu einer Alternative und ist “überzeugt”, dann macht sie Werbung für den Nistplatz. Ist ein bestimmter Schwellenwert von werbenden Bienen überschritten, dann ist die Entscheidung gefallen und der gesamte Schwarm wird benachrichtigt.
Was sind die Voraussetzungen, dass dieses Prinzip bei menschlicher Entscheidungsfindung auch funktioniert? Welche Rolle spielen Firmenpolitik, Mind-Sets, Sozialisation und Persönlichkeit?
- “Kluge Gruppen” können diese Prinzipien nutzen (James Surowiecki). Voraussetzung: Mitglieder denken unabhängig und nutzen neutrale Entscheidungsmechanismen.
Heißt “unabhängig” strikt Lösungsbezogen? Beeinflußen – und wenn ja: wie – persönliche Historien und Befindlichkeiten den Prozess?
“Wenn ein Räuber einen Fischschwarm angreift, kann eine Gruppe sich so formieren, dass ein einzelnes Tier sich kaum mehr verfolgen lässt. Der Schwarm stiebt auseinander, bildet um den Räuber einen Tunnel oder teilt sich in Gruppen auf, die sich kurz danach wieder zusammenschließen.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis
- Koordination funktioniert im Tierreich einfache, über jahrtausende bewährte Regeln.
Diese, manchmal auch als “heimliche Spielregeln” bezeichneten, Mechanismen gibt es auch in Firmen. Wie können diese im Sinne der Schwarmintelligenz besser nutzbar gemacht werden?
- Zentraler, einfacher Grundsatz: “Jeder achtet auf seinen Nachbarn”.
Wie kann die Kultur so aufgebaut werden? Welche Werkzeuge helfen diesbezüglich bei Führung und Zusammenarbeit?
Schwarmintelligenz hat nichts mit blindem Gehorsam zu tun
“Massen sind nur klug, wenn ihre einzelnen Mitglieder verantwortungsbewusst handeln und eigene Entscheidungen treffen. Eine Gruppe ist nicht schlau, wenn die Einzelnen einander nachahmen oder warten, bis ihnen jemand sagt, was sie zu tun haben.” Quelle: Peter Miller, National Geographic, Verweis
Praktische Einsatzbeispiele
- Preisbestimmung für zukünftige Ernten (Börse Chicago)
- Routenplanung für LKWs, Flugpläne von Fluggesellschaften
- Lieferlogistik für Flüssiggas in hoch preiselastischen Märkten bei starken Verbrauchsschwankungen (Air Liquide, Houston, Texas)
- Pünktlichere Paketauslieferung bei gestörten Transportketten (Siemens)
- Produktionsplanung bei dezentral beschafften Einzelteilen (Siemens)
- Gesprächsvermittlung in Telefonnetzen (England und Frankreich)
- Fakultätssitzungen zur Entscheidungsfindung
- Steuerung von Robotern (Rettung, Militär, Kontrolle, Reinigen…)
- Schwarmoide: Zusammenarbeitende Roboter mit sich ergänzenden Funktionalitäten
- Unfallvermeidung durch sich selbst koordinierende Fahrzeuge
- Ranking-Algorithmen von Suchmaschinen für die Seitenbewertung
Viele technologische Beispiele, aber auch eines aus dem Bereich der Zusammenarbeit. Kennen Sie weitere? Wo können Sie sich Aspekte der Schwarmintelligenz im eigenen Arbeitsalltag vorstellen?
Quelle: Peter Miller, “Schwarmintelligenz. Ameisen, Bienen und Stare weisen uns neue Wege, komplexe Probleme zu lösen” in: National Geographic Deutschland, August 2007, S. 42-63 (Online-Teaser)
Weiterlesen: Zukunftstrends, Open Innovation, Führung, Organisationsentwicklung, Kundenorientierte Innovation
Geschrieben von Alexander Greisle am 29. Juli 2007, Lizenz
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 Auch eine Einstellung...
 Der Unterschied zwischen einer Banane und Information
 Flächendeckendes WLAN in Singapur
 Linkschwung mit Nutzwert, 06-2007
 Grassroot Management
Antworten und Kommentare:
Erwähnung in anderen Blogs bzw. Beiträgen:
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Doc Sarah Schons am 29.07.2007 um 20:29 Uhr:
Manueller Trackback: Innovativ in den Medien – Blogger an der Front
[...]Erfolgreich sind wir “neuen Unternehmer”, weil wir mit Leidenschaft und Herzblut bei der Sache und beim Networking sind, über Schwarmintelligenz verfügen[...]
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www.best-practice-business.de/blog » Warum Bernd seine letzte Amazon-Rezension geschrieben hat am 15.08.2007 um 10:25 Uhr:
[...] Das Internet und insbesondere ausgewählte Webseite machen es möglich, dass jeder Leser seine Meinung über Produkte, Dienstleistungen etc. äußern kann. Doch wie zuverlässig und aussagekräftig sind diese Statements? Ich habe aufgrund folgender drei Aspekte meine Zweifel: [...]
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innovativ.in - Business Blog » Blog Archiv » Schwarm-Intelligenz im Businessclub am 30.08.2007 um 14:21 Uhr:
[...] Wie kommt es, dass eine Gruppe von Menschen innerhalb kürzester Zeit gemeinsam eine Leistung bringt, zu die der Einzelne kaum in der Lage wäre? Die Forschungen zu dem Thema schreiten rasch voran. Die August-Ausgabe der National Geographic berichtet in der Titel-Geschichte über die faszinierenden Ergebnisse. Unser Partner Alexander Greisle hat in einem brillanten Post darüber berichtet. Bitte unbedingt lesen! Ich möchte die Schwarm-Intelligenz hier im Business-Club [BC] nutzen. Wir sind ein guter Schwarm und haben beste Voraussetzungen: Die Anzahl der Partner ist groß genug, einen effektiven Schwarm zu bilden. Wir verfügen über eine gute Mischung diverser Fachdisziplinen. Wir sind schon gut vernetzt und reagieren schnell. [...]
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MindSharing | get together • go tomorrow | Was ist Crowdsourcing? am 30.08.2007 um 15:16 Uhr:
[...] Crowdsourcing ist ein 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson (Wired Magazine) geprägter Neologismus. Während Outsourcing die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und
strukturen an Drittunternehmen bezeichnet, setzt Crowdsourcing auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von “Freizeitarbeitern” im Internet. Eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert bereitwillig Inhalte, löst diverse Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungsund Entwicklungsprojekten beteiligt (vgl. Schwarmintelligenz, Aktivitäten des Business Blogs innovativ.in und Abhandlung von Alexander Greisle). [...] -
Das KMU-BLOG » Underdog PR oder denke strategisch am 22.09.2007 um 15:16 Uhr:
[...] Ergo werden bessere Optionen gesucht. Als Insentiv für die Web-2.0-Berater aus Pool der Blogger (der longtail-Schwarmintelligenz) wird außer dem guten Gefühl, einem Newcomer gegen den großen Fisch geholfen zu haben, nicht viel geboten (mag nach diesem Hinweis noch nachbessert werden ). Als mehr oder weniger unbeteiligte Beobachterin (ich biete keinen Vorschlag.) ist das schlicht ein Spaß, wie die eingangs erwähnte TV-Show. In jedem Fall ist es wert ein Auge darauf zu werfen und es an dieser Stelle als Denkanstoß zu präsentieren. [...]
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Faktor G » Blog Archive » Schwarmintelligenz: die Weisheit der Vielen am 22.10.2007 um 04:58 Uhr:
[...] Die Forschungen auf dem Gebiet der Schwarmintelligenz schreiten rasch voran und zeigen faszinierende Ergebnisse und Erkenntnisse. [...]
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Vorsicht: Persönlichkeitsentwicklung! » Schwarmintelligenz - warum viele oft klüger sind als der Einzelne am 31.10.2007 um 19:49 Uhr:
[...] Welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit Schwarmintelligenz sich bildet, können Sie in diesem Beitrag meines Blog-Kollegen Alexander Greisle nachlesen. [...]
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Doc Blog » Archiv » innovativ-in: Schwarmintelligenz - Einladung zum Experiment am 24.02.2008 um 00:04 Uhr:
[...] Losgetreten hat die Diskussion über Schwarmintelligenz Alexander Greisle mit seinem vielkommentiertem Beitrag zum Artikel von Peter Miller in der August-Ausgabe des National Geographic. Im April hatte ich hier das Buch von Bruce Lipton vorgestellt, das “Schwarmintelligenz” auf zellulärer Ebene behandelt. [...]
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Meskalinopolis » Blog Archive » Links, Schnipsel und bunte Buttons am 05.06.2008 um 15:54 Uhr:
[...] Schwarmintelligenz (im Tierreich) [...]
Ihr Kommentar zu diesem Beitrag:
Hallo Alex,
sehr schöner Artikel, das ist auch ein Thema das mich beschäftigt, nicht zuletzt weil emergente Prozesse und Strukturen durch adaptive Social Software wie Wikis gefördert werden.
Übrigens, die englische Ausgabe vom Juli hat den Artikel vollständig, wenn auch auf englisch: http://www7.nationalgeographic.com/ngm/0707/feature5/index.html
Grüße, Martin
Martin, danke für die Blumen und den Link. Bilder ansehen nicht vergessen, auch wenn die im Hochglanzdruck doch noch besser wirken ;-)
Es wird spannend sein zu sehen, wie Tools diese Themen beeinflussen. Sie können IMHO ein Event sein, an dem sich dieses Thema in den Unternehmen ein Stück weit entwickelt und so ins Bewußtsein kommt. Erfolgsentscheidend wird letztlich die Denke der Nutzer sein. Vielleicht ein spannendes Thema für unseren nächsten WikiWednesday?
Ein schöner Beitrag, Alex. Ich habe mich ja auch schon zweimal mit diesem Thema (u.a. mit Tools wie open-space-online und swarmtech) beschäftigt. Und ohne Zweifel bietet das Thema eine Reihe von Chancen.
Allerdings werde ich bei dem Stichwort “Schwarmintelligenz” langsam nervös. Die Euphorie in der Bloggergemeinde (siehe auch bei Hannes Treichl) erscheint mir sehr einseitig. Mich erinnert das Ganze zunehmend an die “Schweigespirale”:
Mit Schweigespirale ist lt. Wikipedia gemeint, dass die faktische Minderheitsmeinung durch Medien [in diesem Fall Blogs] parallel und gehäuft als Mehrheitsmeinung dargestellt wird. Aus Angst isoliert zu werden, unterlassen es Anhänger der eigentlichen Mehrheitsmeinung, ihre Meinung öffentlich zu äußern.
Will jemand ernsthaft bezweifeln, dass es in der Geschichte genügend Beweise für die Dummheit der Masse gibt?
Die Palette reicht von Lynchjustiz bis hin zu totalitären Staaten.
Nochmals: Die Diskussion um Schwarmintelligenz birgt Chancen, aber auch Gefahren. Als Gegengewicht und mit einem Augenzwinkern folgendes Video zur Dummheit der Masse:
http://www.youtube.com/watch?v=bj0Ma2CsHME
Ich glaube, da dürfen wir sauber trennen zwischen verschiedenen Prinzipien. Das Prinzip der Schwarmintelligenz lässt sich u.a. technisch hervorragend nutzen und gibt auch für Organisations- und Zusammenarbeitsprozesse interessante Denkanstöße. Damit ist die Schwarm_intelligenz_ gemeint.
Das andere sind Effekte wie die Schweigespirale, die ich ähnlich kritisch sehe und für die wir wohl in zwei Jahren den Beweis haben werden, wenn Kollegen wie Schäuble damit weitermachen dürfen, die Lebensräume unserer Kinder und Enkel mit einer engmaschigen Überwachungsdecke zu überziehen. Aber das soll hier gar nicht das Thema sein.
Ich verstehe den schalen Beigeschmack des Begriffs “Schwarm” durchaus, unter anderem die Manipulationsanfälligkeit. Ungern würde ich aber die Erkenntnisse aus den oben zitierten Arbeiten darauf reduzieren.
Der entscheidende Unterschied liegt in den beiden Punkten “keine Oberbefehlshaber” und “keine Verwaltung”. Daher bin ich nicht der Auffassung, dass diese beiden Dinge die Seiten der gleichen Medaille sind.
Hallo Armin, die Blog-Welt ist klein … nun diskutieren wir hier, die alte Diskussion zu den SoSo-Potenzialen in Unternehmen konnte ich aus Zeitgründen nicht mehr zeitnah mitmachen ;)
Ich finde deinen Einwand berechtigt, und möchte auch dazu aufrufen sowohl die Terminologie als auch die Überlegungen mit Disziplin anzugehen.
Zu oft werden bspw. die nicht deckungsgleichen Ideen von
“Wisdom of the Crowds”, “collective intelligence” und Schwarmintelligenz vermischt und mit viel Begeisterung diskutiert (gell, Hannes), dies schadet mehr als es nutzt.
Wenn die unzweifelhaft bestehenden Potenziale (bspw. in Unternehmen) umgesetzt und genutzt werden sollen, müssen gerade die Befürworter und Protagonisten mehr als vorsichtig sein – zu leicht gerät man in den Verdacht (aus niederen Beweggründen) einen reinen Management Fad zu pushen … das wäre schade, weil Instrumente wie Entscheidungsmärkte u.U. durchaus Sinn machen
ps. ja, Alex, ich glaub ich kauf mir auch diese Ausgabe … und sei es nur wegen der schönen Bilder (fast so cool wie damals die Apfelmännchen der Chaostheorie, auch so ein Thema das von Begeisterten zuschande geritten wurde …)
Hallo Ihr zwei,
ich bin froh, dass wir tendenziell auf der selben Welle schwimmen.
@ Alex: So ganz verstanden habe ich noch nicht, was Du mit deinem letzten Absatz unter 4. meinst. Kannst Du das noch etwas ausführen?
@ Martin: Könntest Du hier (oder in einem eigenen Beitrag) die Begriffe “Wisdom of the Crowds”, “collective intelligence” und Schwarmintelligenz trennschärfer darstellen? Für mich ist das auch noch etwas verschwommen.
Gerne, Armin. Ich meine, dass Schwarmintelligenz bei Bienen und Ameisen nicht mehr funktionieren würde, wenn die jeweilige Königin “Oberbefehlshaber” wäre und einen entsprechenden Stab (=Verwaltung) aufbauen würde.
Die erwähnten geschichtlichen Gegebenheiten hatten aber genau dieses. Die schweigende Masse wird, von Lemmingen vielleicht mal abgesehen, dann zum Problem, da manipulierbar. Das halte ich für den wesentlichen Unterschied.
Hinzu kommt, dass der Schwarm bei den Beispielen aus dem Tierreich ja gerade nicht schweigend ist, sondern sehr intensiv miteinander kommuniziert und auch entsprechende Sicherheitsmechanismen eingebaut hat, die vor falschen Entscheidungen schützen sollen.
Ich glaube nicht, dass Schwarmintelligenz als Gesellschafts- oder Unternehmensform tauglich wäre (obwohl ich es als Experiment schon mal spannend fände). Menschen ticken (derzeit?) nicht so. Ich glaube aber schon, dass es für verschiedene (technische) Aufgabenstellungen und – unter tauglichen Gegebenheiten – für die Zusammenarbeit von Gruppen eine interessante Option ist.
Lieber Alex, weil Menschen nicht so ticken, ist der Umkehrschluss schlicht falsch.
Sich selbst organisierende Schwarmintelligenz von z.B. Ameisen bedarf keines kollektiven planenden Bewusstseins, sondern nur einfacher chemischer Verhaltensregeln vieler einzelner Tiere.
Auch Menschen errichten komplexe Bauwerke in vielen einfachen
Konstruktionsschritten – bedürfen aber der bewussten Überwachung einer zentralen Bauleitung.
Im September 2006 fand am Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (Uni Augsburg) ein Kongress statt, der sich mit dem Thema “Organisationsbewusstsein und seine Bedeutung für das Unternehmen” beschäftigte…
Der Eröffnungsvortrag, u. a. auch das Thema Schwarmintelligenz streifend, wurde von Prof. Dr. K. Mainzer gehalten: “Die Evolution bewusster Organisationen in Natur und Gesellschaft”.
Dieser optisch wie inhaltlich ansprechende Vortrag ist alles andere als leichte Kost. Trotzdem: Die Mühe, sich den ganzen Vortrag anzuschauen, lohnt: http://tinyurl.com/2grv8z (für Download nach unten scrollen)
Armin, kannst Du nochmal erklären, was Du mit dem schlicht falschen Umkehrschluß genau meinst? Es ist
Sonntag-Montag-Nacht… ;-)Zum von Dir zitierten Teil aus dem Vortrag: Beides ist, runtergebrochen, Kommunikation. Die eine sehr einfach, die andere komplexer. Aber Kommunikation, egal auf welchem Weg diese funktioniert. Der Mensch braucht zusätzlich Kontrolle. McGregors Theorie X? Wenn wir uns eher in Richung Ouchis Theorie Z bewegen, dann finden wir einige Überlappungen.
Es ist jetzt erst recht Montag-Nacht. Ich versuche es trotzdem einmal ;-)
Deine Aussage ist, “dass Schwarmintelligenz bei Bienen und Ameisen nicht mehr funktionieren würde, wenn die jeweilige Königin “Oberbefehlshaber” wäre und einen entsprechenden Stab (=Verwaltung) aufbauen würde.”
> richtig!
Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass bei den Menschen vieles besser funktionieren würde, wenn es keinen Oberbefehlshaber und keine Verwältung gäbe
> falsch!
Ein Schwarm “kommuniziert” nicht miteinander, sondern “funktioniert” auf Grund simpler chemischer Reatkionen (= primitiver Informationsaustausch) mit dem Ziel der Nahrungsaufnahme und Arterhaltung.
Es gibt – im Gegensatz zum Menschen – kein Bewusstsein, keine Angst, keine Sinnfragen (stark vereinfacht).
Ich kann weder mit der X/y-Theorie noch mit der Z-Theorie etwas anfangen, weil zu einfach gestrickt. Würdest Du Dich gerne auf eine dieser drei Schubladen reduzieren lassen?
Trotzdem ist Deine Frage nach unserem zugrundeliegenden Menschenbild für die weitere Diskusion von zentraler Bedeutung. Macht und Kontrolle sowie Freiheit und Anarchie spielen dabei als Gegensatzpaare aus meiner Sicht eine wichtige Rolle.
Können wir uns darauf verständigen, dass Ameisen diese Fragen eher weniger diskutieren?
(Mehr bei Interesse morgen…)
Gut, diesen Umkehrschluß hat ja so pauschalierend niemand gezogen.
Du meinst also, dass wir Menschen generell zu kompliziert sind für Mechanismen der Schwarmintelligenz? Welche konkreten Aspekte bringen Dich zur Überzeugung, dass sie keine Basis ist für Informations- und Koordinationsprozesse? Auch nicht geeignet für Werkzeuge, die zur Lösung komplexer Probleme beitragen?
Schön, dass wir das Missverständnis mit dem falschen Umkehrschluss aus dem Weg geräumt haben.
> Du meinst also, dass wir Menschen generell zu kompliziert sind
> für Mechanismen der Schwarmintelligenz?
Generell, nein – es gibt durchaus sinnvolle Anwendungsfelder.
> Welche konkreten Aspekte bringen Dich zur Überzeugung, dass sie keine
> Basis ist für Informations- und Koordinationsprozesse?
Ich habe diese Überzeugung nicht. Wie kommst Du darauf? Guck z.B mal hier:
http://www.karge.biz/?p=48
> Auch nicht geeignet für Werkzeuge, die zur Lösung komplexer Probleme
> beitragen?
Kannst du Dich an das Schwarmintelligenz-Experiment in den Kölner Messehallen von Quarks & Co erinnern? Die Antworten in der Sendung waren für mich faszinierend wie ernüchternd zugleich. Stark vereinfacht war Schwarmverhalten beobachtbar, wenn es um nichts ging. Sobald einzelnen Mitgliedern Ziele vorgegeben wurden, folgte der Schwarm nur bedingt. Interessante Ausnahme: Bei doppeltem Tempo bildete sich sofort ein Führungsteam heraus, wobei allerdings jetzt nicht mehr von einem Schwarm geredet werden konnte.
Du kannst Dir die Sendung hier noch einmal ansehen:
http://www.wdr.de/podcast/quarks/qc_20070410.mp4
(Achtung: 50 MB)
Treffend fand ich den Blog-Beitrag, der kürzlich in der “Karriere-Bibel” erschienen ist:
“Oft weiß es die Masse besser, spürt die Wahrheit schneller, findet die klügeren Lösungen. Allerdings gibt es Einschränkungen: Das Ganze funktioniert nur, wenn unterschiedliche Meinungen gefördert werden und nicht der Konsens. Die Masse ist nur schlau, wenn alle unabhängig von einander ihre Einzelmeinungen abgeben…. Die Erkenntnis lässt sich hervorragend auf Teams und Meetings übertragen: Sobald sich die Gruppenmitglieder zu ähnlich werden, stockt der Innovationsprozess. Heraus kommen Mittelwerte – oder eben Mittelmaß. Und sobald wenige die Debatte beherrschen, wird die Masse blind und dumm.”
Quelle: http://karrierebibel.de/schwarmintelligenz-warum-gruppen-intelligenter-sind/
Danke, Alex, für diese hervorragende Zusammenfassung und den Kauftipp, dem ich gleich morgen nachkommen werde :-)
@Martin: Vermischungen habe ich oft genug selbst aufgezeigt und stimme obiger Meinung (Komm. 5, Abs. 4) zu. Ebenso der Tatsache, dass in Entscheidungsmärkten im unternehmerischen Einsatz durchaus Potenzial schlummert, das praktisch noch viel zu wenig erschlossen wurde.
Leider ergibt sich aus obiger Diskussion selbst eine Vermischung der Begrifflichkeiten und Einsatzmöglichkeiten von Crowdsourcing. Zunächst einmal ist eine Differenzierung unumgänglich, ob wir von kreativen Tätigkeiten und Ideenfindung sprechen (so wie das bei VOdA den Schwerpunkt bildet) oder von Entscheidungsfindungs- bzw. gar Führungsprozessen. Auch beschäftigen wir uns intensiv mit Anwendungsmöglichkeiten der Einbindung von Communities in Entscheidungsfindungsprozesse.
Dass wir Crowdsourcing mit Begeisterung vertreten heißt nicht, dass wir es kompromisslos propagieren – ganz im Gegenteil: Wir weisen (auch in unseren Blogs!) immer wieder darauf hin, dass Vor Beginn eines jeden Projektes eine offene und ehrliche Diskussion geführt werden muss, ob bzw. welche der o.a. Formen sinnvolle Ansätze ermöglichen und zielführende Ergebnisse bringen.
Die Inhalte einer solchen zu erörtern sprengt allerdings den Rahmen dieser Diskussion, die wir aber sehr gerne fortsetzen können. Z.B. im Vorfeld der Web2.0 Expo in Berlin Anfang November dieses Jahres, wo wir im Rahmen des Barcamp Berlin ein Round Table Gespräch zum Thema planen und dazu auch internationale Experten erwarten. Details folgen (vorausgesetzt Alex sieht das nicht als Werbung an :-)
Hallo zusammen,
@all, das ist eine interessante Diskussion, die wir eigentlich face-to-face führen müssten – wenn man am Whiteboard überlappende Kreise, Portfolios etc. zeichnen kann fällt doch vieles leichter (@Hannes, Berlin geht bei mir leider nicht, mal sehen, sehr gerne …)
Um die Begrifflichkeiten voneinander zu trennen scheint es auch eher kontraproduktiv einen weiteren Begriff einzuführen. Ich will es dennoch wagen, weil er die eigentliche Grundlage für manche der diskutierten Begriffe ist: Emergenz.
Hört sich sehr theoretisch an, ist es auch (mit Wurzeln in den verschiedensten Komplexitätswissenschaften) ... hat aber “pragmatische” Auswirkungen und Effekte, am besten ich klaue einfach einen Abschnitt aus der Diss:
“Ein wichtiges Paradigma des Systemansatzes ist die These, dass das Ganze (d.h. das System) stets mehr ist als die Summe der Teile (d.h. Systemelemente). Die Einheit hat zwar bestimmte Elemente als Voraussetzung, ist aber nicht als bloße Summe dieser Elemente zu verstehen. Durch die Beziehungen der Elemente untereinander und die daraus entstehenden Wechselwirkungen kann sich im Besonderen Neues ergeben, das nicht auf die Eigenschaften der Elemente zurückführbar ist (Emergenz). Die Wechselwirkungen sind nur aus dem Zusammenwirken der Systemelemente erklärbar. [...] (vgl. Gleick 1987; Waldrop 1992, 1996; Kauffman 1993, 1995; Gell-Mann 1994).”
Das Zusammenhalten und gemeinsame “Navigieren” des Vogelschwarms ist sogesehen ein Verhalten, das nicht an sich im Verhalten des einzelnen Akteurs = Vogel angelegt ist, sondern es ist das (emergente) Resultat weniger einfacher Regeln (halte Abstand, bleib bei den Anderen, flieg/schwimm nicht zu schnell/langsam, ...). Ebenso kann organisatorische Selbstorganisation als emergentes Verhalten (in komplexen sozialen Systemen) interpretiert werden, womit ich dann wieder beim Oberthema von Alex’ Blog bin …
@Alex: Armin hat es daher glaub ich schon getroffen, es geht hier weniger um bewusste Kommunikation, denn um chemisch/genetisch/antrainiertes Befolgen dieser wenigen Regeln … Vögel und Fische sind nun mal nicht intelligent, und sie verstehen diese Regeln auch nicht.
Darin liegt auch mein Unbehagen wenn der Begriff der Schwarmintelligenz auf Organisationen übertragen werden soll – Menschen ticken anders. Ein naives Kopieren muss scheitern, erfolgsversprechender ist es Mechanismen zu finden, die übertragen bzw. nachgebildet werden können.
Im Gegensatz zu Konzepten der kollektiven (verteilten) Intelligenz sehe ich aber wenig was (generell) für Unternehmen aus der Schwarmintelligenz übernommen werden könnte …
Mit läuft die Zeit davon, daher möchte ich euch nur noch einladen zwei ältere Posts zum Thema von mir durchzuscannen, via http://www.martin-koser.de/BMID/?s=schwarm
Ein Zitat aus meinem Post:
“Jaron Lanier, der zuletzt hier im Spiegel (und schon früher in Edge) vor unkritischem Glauben an die Weisheit der Massen warnte. Nun sollte eigentlich jedem klar sein, dass Gruppen von Menschen nicht notwendigerweise smart sind, ich erinnere nur an eine Vielfalt von Entscheidungspathologien die gerade Gruppen betreffen, wie bspw. Group Think (um nicht noch unangenehmere Gruppen- und Massenphänomene nennen zu müssen): Viele Menschen zusammen sind nicht per se eine intelligente Gruppe, die womöglich sogar “schwarmintelligent” agiert, sondern nur unter bestimmten Bedingungen.”
Habe ich doch gut zusammengefasst, damals ;)
@Hannes: Sieht er nicht ;-)
Wir hatten ja schonmal die Diskussion bei Dir und hier im Blog, dass bestimmte Voraussetzungen einfach gegeben sein müssen, damit Ansätze wie Crowd-Sourcing funktionieren.
Die Begriffsabgrenzung scheint mir tatsächlich ein Problem zu sein. Eine richtig gute habe ich allerdings noch nicht gefunden. Jedenfalls scheinen die Konzepte für einige Aufgabenstellungen zu funktionieren, für andere scheint es eher schwierig zu sein. Sei es wirklich aufgrund anderer Funktionsweisen oder sei es aufgrund einer inhärenten Abneigung menschlicher Indiviuen zu einem “Schwarm” zu gehören.
@Armin: Ich dachte, ich frag einfach mal, hörte sich ein wenig so an.
Mich stört auch der Begriff “Mittelwerte – oder eben Mittelmaß” im Zitat aus der Karrierebibel. Es ist eben nicht Mittelmaß, wenn Bienen einen optimalen Stock finden. Da würde ich dann bei mittelmäßigen Teamergebnissen im Einzelfall schon mal nachfragen wollen, was der wirkliche Grund dafür ist und ob Mittelmaß für dieses Team nicht sogar eine Steigerung ist.
Danke für den Link auf den Quarks-Beitrag (sind übrigends 152 MB). Mich hat er nicht ernüchtert. Faszinierende Möglichkeiten, zum Beispiel die Robotertechnologien, ca. ab 29. Minute.
Zum doppelten Tempo, bei dem sich in diesem Experiment eine Führungsgruppe herausgebildet hat: Da würde mich sehr interessieren, ob bei diesem Versuchugsaufbau bei gleicher Aufgabe eine bessere Zielerreichung herauskommt als beim langsameren Schwarm und für welche Art von Zielsetzung das dann gilt. Dazu gibts im Quarks-Beitrag leider noch keine Aussage.
Armin, wo siehst Du denn die Einsatzpotenziale?
@Martin: In der Beispiel-Liste des Beitrages aus NG ist genau ein Beispiel, die Fakultätssitzung, die etwas mit Menschen in Unternehmen zu tun hat. Der Rest sind Technologien…
Du hattest oben von Potenzialen im Unternehmen gesprochen. Wo sind die denn Deiner Meinung nach?
Ich finde es hoch spannend, wie sich die Diskussion entwickelt. Weg von spannenden technologischen Lösungen hin zur Frage, ob das komplexe Wesen Mensch, das heute sehr viel Wert auf Individualität und individuellen Erfolg legt, mit wenigen primitiven Regeln und unter Aufgabe dieser Individualität auch Erfolg haben könnte. Um noch etwas zu provozieren: Da scheint mir ein bischen ein Verteidigungskampf dabei zu sein ;-)
Was würde passieren, wenn man ein Unternehmen von der Führungsriege und von Alpha-Tierchen befreit und den Schwarm der Mitarbeiter einfach machen liese? Etwas ähnliches versucht Crowd-Sourcing für “einmalige” Problemstellungen, und das hat durch das Internet erstmals die Möglichkeit dazu. “Vielleicht wird die Intelligenz der Masse unterschätzt.” Ich glaube, an diesem Schlußwort des Moderators im Quarks-Beitrag ist viel dran.
@Alex:
> Mich stört auch der Begriff “Mittelwerte – oder eben Mittelmaß” im Zitat aus
> der Karrierebibel. Es ist eben nicht Mittelmaß, wenn Bienen einen optimalen
> Stock finden.
Du nimmst hier aus meiner Sicht zwei unzulässige Übertragungen / Vergleiche vor:
1. Du kannst nicht tierisches Verhalten auf menschliches übertragen. (Mir gehen da langsam die Argumente aus.)
In diesem Fall kannst Du es zufällig übertragen ;-)
Wenn es um simple Schätzaufgaben geht, ist die Masse dem Einzelnen überlegen (Gaußsche Normlaverteilungskurve). In diesem Fall ist Mittelmaß positiv zu bewerten.
2. Bei komplexen Problemen kommt Mittelmaß schnell in die Nähe eines faulen Kompromisses oder mangelnder Innovation. Das Zitat aus der Karrierebibel bezieht sich auf komplexe Probleme und kann somit nicht auf Schätzaufgaben wie bei den Bienen übertragen werden.
Dich haben die Roboter fasziniert? Nun ja, ... Bis heute ist es eine der großen Herausforderungen für einen Roboter, aus einer Kiste mit beliebigen Gegenständen drei bestimmte spezifischer Farbe herauszusuchen.
Wo ich die Einsatzpotenziale sehe? – Bei einfachen Wissens- und Schätzfragen – überall da, wo Intuition gefragt ist – wo durch moderne Technik in geringer Reaktionszeit Meinungen synchronisiert werden sollen – wo komplexe Themen (interdisziplinär und interkulturell) in einfache Teilprozessschritte zerlegt werden können, um wenigstens teilweise die Vorteile von Schwarm-Technologien zu nutzen.
Übrigens, auf der Meta-Ebene: Nicht jeder, der sich kritisch Gedanken zum Thema macht, glaubt an das Böse im Menschen, ist ein Individualist oder Alphatierchen, muss sich verteidigen oder ist machtgeil. (Lass also bitte die rhetorische Trickkiste zu.)
Ich kann den Menschen nicht neu erfinden. Und es gibt den Individualisten, das Alphatierchen, ...
“Vielleicht wird die Intelligenz der Masse unterschätzt.” Mit Sicherheit. In Teilbereichen.
Ach komm, Armin. Das Böse im Menschen, verteidigen, machtgeil. Sorry, aber das sind nicht meine Aussagen.
Ich halte das Nachdenken über die Übertragbarkeit von Verhaltensweisen (oder Eigenschaften) aus der Tier- und anderer Welten keinesfalls für “unzulässig”. Ganz im Gegenteil. Durch solche Übertragungen entstehen neuartige technologische (und warum nicht auch organisatorische) Lösungen.
Sorry, ich halte auch das Finden geeigneter Plätze für Bienenstöcke nicht für eine simple Schätzaufgabe. Nur weil Bienen es nicht nach einer betriebswirtschaftlichen Checkliste tun wird es nicht weniger komplex. Es gibt durchaus vergleichbare Aufgabenstellungen im Alltag.
> Dich haben die Roboter fasziniert? Nun ja, ... Bis heute ist es
> eine der großen Herausforderungen für einen Roboter, aus einer
> Kiste mit beliebigen Gegenständen drei bestimmte spezifischer
> Farbe herauszusuchen.
Bis heute ist es eine der großen Herausforderungen für einen normalen Menschen, alle möglichen Schachzüge im voraus zu berechnen. Trotzdem wird er eine Chance auf den Sieg gegen den Computer haben, weil er andere Stärken besitzt. Bis heute ist es eine der großen Herausforderungen für einen Menschen in ein brennendes Haus zu gehen oder eine Ölpipeline auf innenliegende Schäden zu untersuchen. Roboter können beides und helfen uns damit. Wenn sie durch Mechanismen wie der Schwarmintelligenz dabei besser werden, ja, dann ist das faszinierend.
Wir sind uns einig, was das Thema der menschlichen Besonderheiten und der Übertragbarkeit auf das Konzept angeht. Das ist oben mehrfach nachzulesen. BTW, kein Mensch will den Menschen neu erfinden. Weiterentwickeln reicht. Wir sind da höchstens in der Frage auseinander, wie stark Ideen wie die Schwarmintelligenz dabei eine Rolle spielen können.
Das eine bei diesem Thema sind (technologische) Lösungen und Produkte. Das andere sind Verhaltensweisen. Die emotionale Debatte entflammt an letzterem. Und da wird ja mal die, zugegeben etwas provokante, Frage erlaubt sein, warum das so ist. Oder?
> @Armin: Ich dachte, ich frag einfach mal, hörte sich ein wenig so an.
@Alex: Ich dachte, ich frag einfach mal, hörte sich ein wenig so an. :)
Dann haben wir das ja geklärt ;)
Gerade aus einem Mailkommentar:
sehr spannende grundlagen, schne zusammenfassung. macht lust, das heft zu kaufen.
aus meinem arbeitsalltag. ich bin im bereich der software-entwicklung ttig. wir haben viel mit logistik zu tun, da kommt das thema immer strker. einige dinge lassen sich tatschlich mit relativ wenig informationsaustausch bewerkstelligen, auch komplexere aufgabenstellungen. da das, was bei mensch und tier automatisch intuitiv passiert dem computer teilweise enorme rechenleistung abverlangt, ist die frage der effizienten algorithmen ein eng verbundenes.
leider kann ich gar nicht nachvollziehen, wieso man dieses Thema sofort mit der “dummheit der massen” in verbindung bringt. liegt aber sicher mit am beruflichen background. natrlich ist es wichtig ber folgen von technologien nachzudenken. ich sehe nicht, wie der gedanke der dummen massen auf die erwiegend technologischen anstze passen soll. dann knnte man schon eher drber nachsinnieren, dass auch hier wieder einmal militrische nutzung einer der treiber der entwicklung ist. aber das ist bei vielen themen so.
du machst doch auch brooptimierung, oder? knnten anstze der schwarmintelligenz da einen ansatz bieten, z.b. bei der planung von standorten bestimmter punkte. wir hatten vor kurzem bei uns in der firma ein projekt, da war das eher eine auslastung der noch freien flächen. wenn ich so drber nachdenke, knnte mir vorstellen, das so etwas auch bei der stadt- und verkehrsplanung interessant sein knnte.
liest doc sarah schons aus dem trackback mit? sind sie medizinfrau? gibts eigentlich auch forschungen aus dem medizinischen umfeld?
Warum eigentlich per Mail und nicht per Formular? Hatte ich jetzt auch noch nicht.
Interessante Anregung, die Prinzipien für die Bürooptimierung zu verwenden. Danke!
Ohne fertige Lösungen zu haben könnte ich mir vorstellen, dass die Laufwege- und damit auch die Kommunikationsoptimierung in größeren Gebäuden ein Ansatzpunkt wäre. Beobachtungen aus Projekten zeigen schon, dass sich gewisse Effekte beobachten lassen. Ist auch ein bischen wie die Stadtplanung ;-) Kann allerdings im Moment keinen empirischen Beweis antreten und kenne keine entsprechenden Arbeiten. Wenn jemand einen Hinweis dazu hat, würde ich mich drüber freuen.
entschuldige bitte die umstände mit der mail. ich sass an einem entwicklungsserver mit verkrüppeltem browser mit dem das absenden nicht geklappt hat. um den text nicht zu verlieren hab ich ihn schnell gemailt.
Hallo @all,
@Alex, Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Arbeitsorganisation sehe ich u.a. im Bereich der Kompetenzentwicklung. Erst gestern abend habe ich lange zu diesem Thema diskutiert …
Weil (gerade in der digitalen Ökonomie) Unternehmen die zukünftig notwendigen Kompetenzen nur sehr schlecht abschätzen können und es entsprechend schwerer wird Ausbildungs- oder Kompetenzportfolios planend zu gestalten wird IMHO das Zulassen von Emergenz wichtiger:
Selbstorganisation (d.h. auch das Zulassen von emergentem, schwarmähnlichen Verhalten) in der Kompetenzgestaltung setzt dann darauf, dass selbständige Wissensarbeiter von sich aus persönliche und organisationale Kompetenzlücken erkennen und beseitigen. Teams, Arbeitsgruppen und Communities of Practice könnten sich emergent um interessante Herausforderungen (und Lerninhalte) herum ausbilden – vielleicht ganz ähnlich wie die Zementlaster von CEMEX sich um “interessante” Baustellen herum sammeln oder wie Bienen lohnende Ansammlungen von Blüten finden …
Interessant finde ich hier gerade diese Aspekte von Social Software, die “Nutzungsspuren” aufzeichnen und nachvollziehbar machen, wenn also bspw. die Lerner ihre Lernpfade in Blogs dokumentieren, legen sie quasi “Spuren” an, die dann von den anderen Lernern im verteilten Lernnetzwerk genutzt werden können – wiederum ganz ähnlich zu den chemischen Markern die bspw. Ameisen hinterlassen.
Es gibt daneben aber auch sicherlich noch weitere Einsatzszenarien für “Schwarmintelligenz” in Organisationen – ganz unabhängig von allen menschenbild-orientierten Diskussionen (@Alex, Armin) ... interessant ist evtl. wirklich die Ablaufoptimierung … hier kann ich mir (@Alex) gut vorstellen, dass H.Zinser (ehemals IAO) hier Ideen entwickelt hat, ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich so ähnliche Sachen schon gesehen habe …
Hm, sehr interessante Aspekte, Martin. Da verknüpfen sich gerade einige Dinge in meinem Gehirn miteinander. You have Mail.
Nach 10 Tagen Urlaub freut mich dieser Artikel mit Tiefgang. Bietet auch viele Anregungen für unser künftig gemeinsames Projekt — Projektplanung.
Ein Gedanke zur Schwarmfähigkeit unserer Spezies. „Wir” sind halt seit dem „Sündenfall” recht flexibel in unseren Möglichkeiten. Von limbischen Reaktionsmustern – Die Faust ist schneller wie der Gedanke – bis hin zum emotionsarmen analytischen Großhirndenken; vom Pavianverhalten – hier sitzt der Chef, die anderen kuschen und kraulen – bis hin zur teamen auf gleicher Augenhöhe. Das macht letztlich auch den Unterschied zwischen tierischen und menschlichen Beziehungen und Lösungsansätzen aus. Und damit hat für mich die Übertragbarkeit Grenzen. Funktionierendes Miteinander beim Crowdsourcing und dann möchte der Pavian (in uns!?) auch sein Recht…
Meinst Du mit “flexibel” “bewußt flexibel”? Damit wäre es dann vielleicht gar nicht mehr so flexibel. Schließlich ist es am Ende sogar ziemlich unflexibel, wenn zum Schluß immer der Pavian auf den Tisch haut. Außer natürlich, der Pavian ist flexibel… ;-)
Hallo,
habe Ihren guten Beitrag als Anlass genommen, darauf zu verweisen und etwas PR für die Idee von Wolf Horbach zu machen: http://seminare4you.de/weblog/article/228/schwarmintelligenz-warum-viele-oft-klueger-sind-als-der-einzelne