Was schätzen Sie, wieviele Stunden ein Büroarbeiter in seinem Berufsleben sitzt? Es sind rund 60.000 Stunden. Körperlich anstrengend ist das nicht, aber körperlich belastend: Statistiken zeigen, dass fast 20 % aller Ausfalltagen im Büro durch Rücken- und Muskelprobleme bedingt sind. Umso wichtiger ist der richtige Stuhl, dessen korrekte Einstellung und das richtige Sitzverhalten.

Fangen wir beim Stuhl an. Es wird seitens der Hersteller inzwischen wieder einiges an Entwicklungsarbeit der Bürostühle gesteckt. Ein Trend sind sogenannte “biodynamische” oder “rotatorische” Stühle. Gemeinsam ist den neuen Stuhlkonzepten, dass sie versuchen, dem Sitzen mehr Dynamik zu geben, den Rücken zu entlasten und die Wirbelsäulenaktivität zu stimulieren.

Ein Konzept basiert auf freischwingenden Befestigungen, wodurch die Sitzfläche in Maßen beweglich wird. So wird ein aktives Sitzen gefördert. Andere Konzepte versetzen beispielsweise durch kleine Motoren die Sitzfläche in kaum bemerkbare Schwingungen. Das führt dazu, dass die Wirbelsäule aktiviert wird.

Erstmalig gibt es nun eine fundierte Evaluation biodynamischer/rotatorischer Bürostühle, ergänzt um eine Befragung der Testpersonen. Vorweg ist zu sagen, dass hier sehr hochwertige Stühle miteinander verglichen wurden. Auch der evaluierte “herkömmliche” Stuhl ist ergonomisch top und nicht mit Billigangeboten zu vergleichen.

Das Ergebnis dieser Studie fasst die vgb in der Januar-Ausgabe ihres Sicherheitsreports wie folgt zusammen:

“Der Vergleich aller besonderen Büroarbeitsstühle mit dem [herkömmlichen] Referenzstuhl ergab in der Auswertung der Labor- und Feldmesswerte bei gleicher Tätigkeit [...] überwiegend keine signifikanten, also statistisch nachweisbaren Utnerschiede im Hinblick auf Muskelaktivität und Bewegungsumfang.”

Ist es also egal, auf welchem Stuhl man sitzt?

Nein, im Gegenteil. Es kommt sehr darauf an, dass der Stuhl den individuellen Sitzgewohnheiten anpassbar ist. Und auf das richtige Sitzen.

Den Stuhl richtig einstellen

  • Die Sitzfläche sollte neigbar und in der Tiefe verstellbar sein. So lässt sie sich flexibel einstellen. Ob sie beim Zurücklehnen der Position der Rückenlehne folgt oder nicht, das ist Geschmackssache. Idealerweise lässt der Stuhl natürlich diese Wahlmöglichkeit.
  • Die Rückenlehne sollte mindestens bis zu den Schulterblättern gehen, am besten ist sie in der Höhe verstellbar. Eine Synchronmechanik sorgt dafür, dass die Rückenlehne nachgibt, wenn Sie sich dagegen lehnen. Das ist gut für abwechslungsreiches Sitzen. Achten Sie darauf, dass sich der Widerstand der Rückenlehne verstellen lässt. Ideal ist es, wenn die Rückenlehne beim normalen Sitzen den Rücken stützt und erst auf Druck nachgibt. Gute Stühle haben ausserdem eine integrierte höhenverstellbare Lordosenstütze, die zusätzlichen Sitzkomfort gerade bei längerer Schreibtischarbeit bietet.
  • Die Armlehnen sollten mindestens in der Höhe und im Abstand von Stuhl verstellbar sein. Inzwischen gibt es viele Ausführungen, oft als 3D- oder 4D-Armlehnen bezeichnet, die sich in der Länge und der Drehung verstellen lassen. Das ist für gerade für Vieltipper eine interessante Option.
  • Die Sitzhöhe sollte so sein, dass Ober- und Unterschenkel einen 90 Grad Winkel (oder etwas mehr) bilden. Stimmen Sie unbedingt die Tischhöhe auf Ihre individuelle Sitzhöhe ab – und nicht umgekehrt! Die Arme sollten bequem auf dem Tisch aufliegen. Probieren Sie aus, wie Sie am angenehmsten auf Ihrer Tastatur tippen können, so dass auch die Handballen auf einer Auflage (nicht auf der kalten Tischplatte) entspannt aufliegen.

Richtig sitzen

Richtig sitzen heisst zunächst mal aufstehen. Es entlastet den Körper, wenn man sich ein paar Schritte bewegt. Auch wenn es vielleicht angenehmer ist, den Drucker in Griffweite zu haben – stellen Sie ihn ein paar Meter weg und nutzen Sie das um ab und an aufzustehen. Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit, manche Aufgaben im Stehen zu erledigen oder sogar einen Steh-/Sitzarbeitsplatz? Dann nutzen Sie das.

Richtig sitzen heisst auch abwechslungsreich sitzen. Lehnen Sie sich entspannt zurück beim tippen, stellen Sie beide Beide auf den Boden. Oder vielleicht haben Sie sogar einen kleinen Hocker, den Sie unter dem Schreibtisch platzieren und auf den Sie die Füße legen können. Dann sitzliegen Sie quasi entspannt arbeitend am Schreibtisch. So entsteht auch dieser Text gerade. Ich habe einen günstigen, aber bequemen Hocker von IKEA.

Stellen Sie Ihren Sitz so ein, dass Sie die Position verändern können. Wichtig ist dabei die Rückenlehne. Sie sollte so streng eingestellt sein, dass sie beim normalen Gegenlehnen standhält und nur mit etwas kräftigerem (aber noch angenehmen) Druck nachgibt und dann ohne Krafteinsatz in jeder beliebigen Position bleibt.

Ihr Rücken wird es Ihnen danken.

Weiterlesen:

  • Helmut Berger: “Dynamische Stühle – dynamische Menschen? Gesünder sitzen, besser arbeiten und leben!” in: vbg Sicherheitsreport 1/2008, S. 28 f.
  • BGIA-Report: “Ergonomische Untersuchung besonderer Büroarbeitsstühle” (Download voraussichtlich ab Ende Februar)

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Geschrieben von Alexander Greisle am 12. Februar 2008, Lizenz
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