Liebe Frau Schütz,

ist die Ära der Information Worker vorbei, bevor sie begonnen hat? Ich finde Ihre Frage hoch interessant, ist doch der Information Worker keine eigene Spezies, sondern immer noch ein Homo Sapiens. Letzterer entwickelt allerdings – seine schon immer vorhandenen – Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung immer weiter und verändert sich dabei natürlich. Nicht nur durch immer kräftigeren Daumen vom SMS tippen.

Tom Peters, provozierender Querdenker, hat in einem Kommentar in der Zeitschrift “Markt und Mittelstand” (Ausgabe 11/2007) gleich mal der kompletten Spezies der Büroarbeiterinnen und Büroarbeiter das Aus vorhergesagt. Nicht generell, aber zumindest in den westlichen Industriestaaten. Ganz in Analogie zum Rückgang der Arbeitschaft in der Industrie. Denn Büroarbeiten werden immer mehr ausgelagert, insbesondere einfachere Sachbearbeitungsaufgaben.

Diese Einschränkung halte ich für ganz wesentlich.

Und sie betrifft auch die qualifizierte Facharbeiterschaft. Facharbeiter werden, genauso wie Büroarbeiter, immer mehr zu Geistesarbeitern: Kreativ neue Lösungen erarbeiten, Planen und Steuern, (international) Kommunizieren statt vor sich hinwerkeln. Der Charakter der Arbeit ändert sich inhaltlich massiv. Und das schnell und umfassend. Zentraler Bestandteil dabei ist das Be- und vor allem das Verarbeiten von Informationen.

Zu recht sagt Bloggerkollege Tim Schlotfeldt, dass der Begriff “Information Worker” reichlich unscharf ist und verweist auf…

“...diese kleinen Erfahrungen, die für den notwendigen Realitätsabgleich sorgen, wenn z.B. mal wieder von nebulösen Dingen wie dem ‘Information Worker’ oder der Zukunft der Bildung die Rede ist.” (Quelle)

So stellt sich dann auch die Frage, ob wir schon richtig aufgestellt sind für diese neue Arbeitswelt. Das umfasst die Infrastruktur wie Technologien und Orte genauso wie die richtige Einführung dieser Infrastruktur und vor allem das Wissen, Können und Wollen der Menschen.

Wer hat hier was nicht verstanden.

Das fragen Sie, Frau Schütz, ob der Ergebnisse der Information Worker Performance Studie des Fraunhofer IAO [Hinweis für die Mitlesenden: Diese wurde von work.innovation und dem Fraunhofer IAO gemeinsam durchgeführt] und fassen einige Ergebnisse zusammen:

“Das Fraunhofer-Institut verortet die grössten Performance-Beeinträchtigungen im mangelnden Verständnis der Information Worker für die Möglichkeiten und Funktionsweisen der neuen ICT-Technologien. Das scheint mir eine interessante Schlussfolgerung zu sein und es soll mir an dieser Stelle die Frage erlaubt sein: Wer hat hier was nicht verstanden?”

Sind nun vielleicht gar die Information Worker (oder diejenigen, die wir gerne so nennen würden, wenn sie denn “bereiter” wären) selbst daran “Schuld”, wenn ihnen das Verständnis fehlt?

Das ist natürlich Unsinn. Eine solche Einstellung brächte uns in der Diskussion auch nicht weiter. Natürlich dürfen wir eine gewisse Offenheit erwarten, sollten sie aber nicht voraussetzen. Schließlich gibt es, flapsig formuliert, noch andere Interessen als den Umgang mit neuen (Informations-)Werkzeugen und Technologien.

So sind die Rückschlüsse, unter anderem, aus der genannten Studie denn auch:

  • Lösungen existieren, werden in der Praxis aber häufig nicht angewendet, weil sie nicht bekannt sind. Die Awareness über die verfügbaren Möglichkeiten und deren Vorteile – für die Effizienz der Arbeitsprozesse und insbesondere auch für die persönliche Arbeit der Mitarbeiter – sollte erhöht werden.
  • Derzeit ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Geräten und Werkzeugen im Einsatz. Durch eine prozessorientierte, benutzerfreundliche und für den Nutzer transparente Integration könnte die Komplexität verringert werden.
  • Gezielter Wissensaufbau bei den Anwendern bezüglich Strategien, Methoden und Werkzeugen der Informationsarbeit schafft die notwendige Basis. (Siehe auch: Der Umgang mit Information ist auch ein Handwerk hier im Blog)

All das führt zum Verständnis für die Möglichkeiten und Funkionsweisen der neuen ICT-Technologien. Derzeit haben wir in der Unternehmenspraxis noch einen Mangel daran, das Zitat aus dem Blog von Tim Schlotfeldt zeigt eine (noch) typische Erfahrung.

Gerade der letzte Punkt, das Wissen, ist ein kritischer Erfolgsfaktor. In der Beratungspraxis zeigt sich immer wieder, dass gar nicht mal die Grundbereitschaft fehlt, sondern dass viel zu häufig der Respekt vor den Neuerungen zu hoch ist und so die Hemmschwellen steigen. Dieser hohe Respekt (ich will bewußt nicht “Skepsis” sagen) kommt vor allem durch zwei Dinge: Fehlendes Know-How und die Erfahrungen der Vergangenheit.

Vieles davon finden Sie in Ihren drei Hauptmängeln von ICT-Projekten wieder:

  • Einzel-Applikationen ohne die Klammer eines Gesamtkonzeptes
  • Technologie ohne Berücksichtigung der Prozesse und Team-Kulturen
  • Team-Ebene ohne Einbezug der persönlichen Ebene

Wir sind also nah zusammen, mit unseren Schlußfolgerungen. Bleibt die spannende Frage: Wie füllen wir diese mit Leben? Was sind die Best-Practices und unter welchen Rahmenbedingungen funktionieren diese? Wie sollen veränderungswillige Unternehmer vorgehen bei der Implementierung neuer Arbeitsweisen und -welten?

Denn eigentlich ist mir gar nicht Bange um die Zukunft der Information Worker. Wir sind mitten im Transformationsprozess. Wer wird da schon erwarten, dass alles von Anfang an 100-%ig funktioniert?

In unserem Telefonat hatten wir es ja unter anderem diskutiert. Wir gehen zu häufig vom Ideal aus und sind dann, gerade als Berater, enttäuscht, wenn wir dieses nicht voll erfüllen. Persönlich halte ich das Ideal für sehr wichtig – um nicht zu kurz zu springen. Genauso wichtig ist es aber, mit den erreichten Erfolgen, dem Machbaren, vielleicht etwas mehr, zufrieden zu sein. Denn diese sind eine hervorragende Ausgangsbasis für die nächsten Schritte.

Mit den besten Grüßen,
Alexander Greisle

Briefwechsel per Blog

Diese Antwort auf das Posting von Judith Schütz ist der Start zu einem Briefwechsel per Blog zwischen Judith Schütz und mir und allen, die sich daran beteiligen möchten.

Warum “Briefwechsel”? Nun, alleine der Terminus nimmt Geschwindkeit aus der Sache, steht für sorgfälte Formulierung der Gedanken und für Vollwertkost statt Informationshäppchen. Ganz im Sinne von Füller und Papier. Blogs sind ein recht geeignetes Medium für einen Briefwechsel: Die Gedanken sind sofort öffentlich, zur Diskussion einladend, vernetzend.

Sprich: Alle sind zum Mitmachen herzlich eingeladen, sei es in Kommentarform oder durch die Beteiligung am Briefwechsel im eigenen Blog.

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Geschrieben von Alexander Greisle am 26. Februar 2008, Lizenz
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