Ein handfester Telekom-Skandal und weitere Unternehmen, die im Zuge dessen in Verdacht stehen. Vorratsdatenspeicherung, zunehmende Videoüberwachung allerorten, Terrorangst der Politiker. Google hat erklärtermaßen zum Ziel, die Nutzer so gut zu kennen, dass Lebensempfehlungen gegeben werden können. Die Liste lässt sich fast endlos fortsetzen.
Zweifellos: Der Datenschutz – vor kurzem noch als Spaßbremse verschrien – erlebt ein fulminantes Comeback.
Ich will mal versuchen, meine Gedanken hierzu in einen halbwegs gut strukturierten Text zu schreiben. Vielleicht bringen Sie ja etwas Zeit mit?
Vorweg: So ganz ungeschoren kommen Sie nicht davon. Datenschutz kann man nicht mehr delegieren.
Zunächst ist es sinnvoll, Datenschutz in drei, eng verflochtene, Ebenen einzuteilen. Jede dieser Ebenen hat eigene Herausforderungen und Konsequenzen. Als da wären:
- Staatlicher Datenschutz
- Privatwirtschaftlicher Datenschutz
- Persönlicher Datenschutz
Erscheint eine Priorisierung im Sinne von “welche dieser Ebenen ist die wichtigere” heute noch sinnvoll? Ich glaube nicht, mehr dazu später. Zunächst möchte ich auf den Entwicklungsstand der drei Ebenen kurz (und wahrscheinlich auch sehr verkürzt) eingehen.
Ebene 1: Staatlicher Datenschutz
Nicht nur die Gesetzgebung für die nachfolgende Ebene 2, dem privatwirtschaftlichen Datenschutz, ist hier gemeint. Auch, aber hauptsächlich geht es um den Staat, der sich immer mehr Daten der Bürger abgreift: Protokollierung Ihres Internet- und Telefonverkehrs, Zugriff auf Bankdaten, umfassende Videoüberwachung, biometrische Vollerfassung über Ausweisdokumente, Einführung von eindeutigen Personenkennungen, zum Beispiel über die kommende Steuernummer. Um nur einige Beispiele zu nennen.
Es entsteht in rasantem Tempo eine zunehmende Vielfalt an Überwachungsmöglichkeiten von denen jeder betroffen ist. Natürlich wäre die beste Alternative, den Mißbrauch dadurch auszuschließen, dass es diese staatlichen Werkzeuge gar nicht erst gäbe. Wie realistisch das ist, überlasse ich Ihrer Beurteilung.
Zentrale Fragen sind: Wie geht der Staat mit diesen Möglichkeiten um? Wie stellen wir sicher, dass diese Informationen nicht im Kleinen wie im Großen missbraucht werden? Gerade hier in Deutschland sind nach zwei unsäglichen Regimen ernsthafte Gedanken darüber und Skepsis sehr legitim. Wie und wann erhalten Sie vollständig Auskunft darüber, welche Daten staatlicherseits über Sie gespeichert sind? Wie kontrollieren wir Legislative und die Executive diesbezüglich? Diese Fragen harren der Klärung.
Ebene 2: Privatwirtschaftlicher Datenschutz
Nicht erst seit Telekomgate die entscheidende Frage: Wie gehen Diensteanbieter mit den Daten ihrer Kunden um? Was machen beispielsweise Community-Anbieter mit den Mitgliederprofilen? Wofür nutzt Google den Schatz der gesammelten Informationen?
Ein anderes Beispiel: Das Online-Netzwerk Facebook, das mal eben Mitgliederinformationen für Eigenwerbung nutzte und erst aufgrund von massivem Protest, allerdings ohne Schuldbewußtsein, zurückruderte.
Wechseln wir kurz die Blickrichtung:
Jeder kann heute mit wenig Aufwand eigene Angebote ins Web stellen. So wird jeder von uns schnell vom passiven Web-Consumer selbst zur Institution, die eine Datenschutzverpflichtung gegenüber den Consumern der eigenen Angebote hat. Wie gehe ich mit den Daten um, die mein Webangebot generiert (von den E-Mail-Adressen der Kommentatoren bis hin zu Statistikdaten)? Was sind Ihnen die Daten Ihrer Webseitenbesucher wert?
Ebene 3: Persönlicher Datenschutz
Vielleicht die wichtigste Ebene, denn es ist diejenige, die wir selbst am besten gestalten können. Es geht schlicht um die Frage: Wie verhalte ich mich selbst im Web, wie verhalte ich mich in der Öffentlichkeit? Welche Daten gebe ich von mir Preis?
Der Datenschutz besteht darin, genau zu wissen, was man preisgeben will, und was nicht. Mit Blick auf das Heute und das Morgen. Diese Verantwortung kann uns tatsächlich niemand abnehmen, die Kompetenzen gilt es zu erwerben. Und vor allem müssen wir diese an die nachwachsenden Generationen weitergeben. Was Jugendliche heute in Online-Netzwerken, Webcam-, Video- und Bildportalen preisgeben, das wird nicht nur sie selbst einholen, sondern auch verwandte und bekannte Personen.
Wir brauchen die Medienkompetenz, um uns sicher in den neuen, transparenten Welten zu bewegen.
Was tun mit diesen Erkenntnissen?
Ein wichtiges Fazit: Mehr denn je geht Datenschutz jeden an. Datenschutz entwickelt sich zu den Kernkompetenzen im Online-Leben.
Sollte man bestimmte Orte zukünftig meiden, wenn man nicht überwacht werden möchte? Verzichtet man auf nützliche Dienste im Internet, nur um den Profilerstellern ein Schnippchen zu schlagen? Kauft man doch wieder offline und mit Bargeld?
Sich paranoid aus den (Online-)Leben zurückzuziehen ist nicht die Lösung, im Gegenteil. Wahrscheinlich ginge das heute auch gar nicht mehr.
- Es bedeutet aber einen sehr bewußten Umgang mit persönlichen Informationen. Genaue Abwägungen darüber, was ich preisgeben möchte.
- Es bedeutet das Lesen von allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärungen vor der intensiven Nutzung eines Online-Dienstes.
- Es bedeutet, dass Medienkompetenz vermittelt werden muß, frühzeitig, im Kindesalter beginnend.
- Es bedeutet, auch mal zu verzichten. Sei es auf einen tollen neuen Dienst, sei es auf eine unverschlüsselte Kommunikation persönlicher Inhalte über das Internet. Oder ein paar lausige Payback- oder sonstige Profiler-Punkte.
- Und last, but not least, bedeutet es auch die kritische Begleitung von immer mehr staatlicher Kontrolle und Überwachung. Es erfordert, mit einem scharfen Auge auf unverhältnismäßigen Ge- und Mißbrauch zu sehen.
Doch ich will nicht mit dem Staat schließen, auch nicht zu sehr auf Fällen wie der Telekom herumreiten. Der Schutz Ihrer persönlichen Daten wird zu Ihrer Verantwortung. Delegieren an Datenschutzbeauftragte und die Anbieter von Diensten war gestern. Heute ist Eigenverantwortung der Schlüssel zum Schutz der persönlichen Daten.
Wenn man so will, dann haben Sie bis hierher ein Plädoyer für eine Verhaltensänderung gelesen. Wie geht es Ihnen damit?
Wer sagt, dass etwas unmöglich ist, der hat sehr wahrscheinlich unrecht.
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Juni 2008 im Kontext
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[...] Ich bedanke mich aber für drei Beiträge im Juni bei den jeweiligen Autoren, die entweder emotional auch meine Gefühle widerspiegeln – Datenmissbrauch ohne Ende –, analytisch den Stand der Dinge aus persönlicher Sicht aufbereiten – Renaissance. Gedanken zum Stand des Datenschutzes im Internet – oder schlicht eine individuelle Erfahrung berichten: Microsoft als Spammer entlarvt. [...]
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