Dass nicht nur Freiberufler sehr selbständig und selbstbestimmt arbeiten können, sondern auch Angestellte, das hat Markus Albers mit seinem Buch Morgen komm ich später rein beschrieben (Besprechung hier im Blog). Er hat dazu die Begriffe der “Freiangestellten” und der “Easy Economy” geprägt. Das Buch ist nun schon einige Wochen erhältlich und hat für einiges Aufsehen und für Diskussionen gesorgt.
Markus hat sich nach einer kurzen Anfrage über Xing sofort bereit erklärt, ein paar Fragen zu seinen persönlichen Erfahrungen, nicht nur zu den Reaktionen auf das Buch, zu beantworten:
Alexander Greisle: Markus, Dein Buch wird ja überwiegend sehr positiv, zum Teil aber auch kontrovers diskutiert. Nach den ersten Wochen der Diskussion: Was ist Dein Fazit? Denkst Du, dass wir auf einem guten Weg sind?
Markus Albers: Dass wir auf einem guten Weg in die “Easy Economy” sind, also dahin, dass auch Festangestellte in Unternehmen zunehmend arbeiten können, wann und wo sie wollen – davon bin ich seit der ja sehr umfangreichen Recherche für mein Buch sowieso überzeugt. Diesen Trend haben mir Manager und Wissenschaftler bestätigt. Was die Diskussion des Buches mir gezeigt hat: Das Thema trifft einen Nerv.
Es gibt einige wenige, die sagen: Alter Hut. Ein paar mehr, die meinen: Das kann ja nicht funtionieren. Und die überwiegende Mehrheit, die entweder sehr ähnlich denkt wie ich und selbstbestimmt arbeiten will. Oder zumindest die Fragestellung extrem spannend findet. Ich habe auch gemerkt: Gerade viele Onliner arbeiten bereits als – wie ich das ja nenne – neue “Freiangestellte” und sind jenseits der Diagnose an praktischen Fragen interessiert: Beispielsweise am Zusammenhang von Produktivität, Ablenkung und Kreativität.
Alexander: Den letzten Aspekt finde ich sehr spannend, denn er bedeutet unter anderem, dass der mit dem Internet aufwachsende Nachwuchs quasi wie ein “Freiangestellter” oder “Freiberufler” denkt und damit derzeit beim Einstieg in traditionelle Unternehmen einen Kulturschock bekommt.
In meinen Projekten zeigt sich häufig, dass man sowohl Mitarbeiter als auch das Top-Management sehr gut von den neuen Ideen überzeugen kann. Mehr Diskussionen gibt es oft mit dem mittleren Management, also dort, wo die Auswirkungen in der täglichen Führungsarbeit unmittelbar zu spüren sind. Was würdest Du den Team- und Abteilungsleitern mitgeben wollen?
Markus: Erstens: Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Technisch und gesellschaftlich bewegen wir uns unumkehrbar in diese Richtung und für die Unternehmen macht es auch ökonomisch Sinn. Nur wer mitmacht wird davon profitieren. Also empfehle ich: Sprechen Sie mit Ihren Angestellten darüber, wie man konkret höhere Freiheitsgrade zulassen, nicht mehr Anwesenheitszeit absitzen sondern Ziele vereinbaren und Arbeit an Ergebnissen messen kann. Ganz wichtig: Vertrauen haben! Die allermeisten Ihrer Angestellten sind keine Faulenzer und wollen Sie nicht über den Tisch ziehen.
Zweitens: Mit einer an Ergebnissen orientierten Arbeitsweise haben Sie auch selbst mehr Kontrolle über Ihre Zeit. Denken Sie mal drüber nach, was Sie mit Ihrem Leben anfangen könnten, wenn Sie nicht täglich 9to5 im Büro auf Ihre Schäfchen aufpassen müssten.
Alexander: Wie beurteilst Du die Akzeptanz bei verschiedenen Mitarbeitergruppen? Kommt es bei Frauen besser als als bei Männern, bei Jungen besser als bei Alten oder langjährigen Mitarbeitern?
Markus: Frauen diskutieren das Thema eher aus der gesellschaftlichen Perspektive, denn für sie stellt sich nun einmal nach wie vor die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärker. Man kann das als wenig gleichberechtigt kritisieren, aber empirisch ist es so. Frauen haben also ein tendenziell größeres Interesse an flexiblen Arbeitszeiten. Männer diskutieren eher die technische und organisatorische Machbarkeit.
Eine Generationenfrage ist das Thema nur auf den ersten Blick: Ja, die junge Generation, die derzeit in den Arbeitsmarkt kommt, beherrscht die Tools ganz natürlich, legt mehr Wert auf Freiheit als auf Dienstwagen und wird sich nicht mehr den ganzen Tag an den Schreibtisch ketten lassen. Aber gerade die Älteren haben viele Interessen und Hobbys und können sich ebenfalls ein schöneres Leben vorstellen, als die letzten 10-15 Arbeitsjahre auch noch jeden Tag mit Berufsverkehr und Bürofrust zu verbringen. Und die Technik ist heute kein Hindernis mehr: E-Mail vom Handy, von zu Hause aus auf den Firmenrechner einloggen – das können auch meine Eltern.
Alexander: Im Zuge Deines Buches bist Du online sehr aktiv geworden. Mit ein Charakteristikum von jungen Freiangestellten, wie Du die neue Arbeitsform treffend beschreibst. Mich würde zum Schluß Deine ehrliche Einschätzung interessieren: Wie empfindest Du menschlich Deine Aufnahme in die Online-Community? Und wie beurteilst Du die Auswirkungen auf Deinen Arbeits- bzw. Lebensalltag?
Markus: Ich war sehr überrascht – und zwar positiv. Ich bin zwar seit den 90ern online, habe aber nie gebloggt oder sonstwie publiziert. Vor allem weil ich als Journalist andere Medien und Foren hatte, über die Themen zu schreiben, die mich interessieren. Jetzt, zum Buchstart im August, habe ich – ich gestehe – erstmals eine Website gestartet, angefangen zu bloggen, Gastbeiträge geschrieben, Blogger kontaktiert. Ich bin also was das aktive Machen angeht ein blutiger Anfänger. Und großartigerweise war die Reaktion extrem positiv. Ich dachte vorher, die Bloggerszene sei vielleicht eine verschworene und versnobte Gemeinschaft, als die sie ja manchmal dargestellt wird.
Aber von Robert Basic und Jochen Mai, für die ich schon zum Buchstart Gastbeiträge schreiben durfte, über Joachim Kleske, der mein Buch per Twitter vielen bekannt gemacht hat, Wolff Horbach, der mich eine Woche lang als Gastblogger bei Innovativ-In begleitete bis zu vielen vielen weiteren Bloggern, die mich interviewt, mein Buch rezensiert oder meine Posts kommentiert haben, kann ich nur sagen: Alles kluge, freundliche und vor allem neugierige und kommunikative Menschen. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich mich erst jetzt in diese Szene getraut habe. Zuletzt hat sogar Tim Ferris in seinem Blog über “Morgen komm ich später rein” geschrieben, was mich besonders freut, da es ja ein deutschsprachiges Buch ist.
Was die Auswirkungen auf meinen Alltag angeht: Ich mache mir schon Gedanken, ob ich vor lauter bloggen, mailen, lesen, antworten, kommentieren noch genügend Zeit habe, wirklich kreativ und poduktiv zu sein (siehe dazu auch meinen aktuellen Beitrag Produktivität versus Kommunikation). Und eigentlich müsste ich ja mindestens auch noch twittern (von Friendfeed oder einem Tumblelog gar nicht zu reden), wie einige Onliner durchau freundlich einfordern. Ich werde damit jetzt wohl auch anfangen und wahrscheinlich ist es dann gar nicht so irrsinnig zeitaufwendig und macht auch Spaß.
Aber ich stelle fest, dass man sich ab und zu mal selbst die Fragen stellen sollte, die Merlin Mann so schön formuliert hat:
“... if the amount of time you devote to lite correspondence with individual people exceeds the amount of time you spend on making things, then you may be in a different line of work than you’d originally thought you were. Not that there’s anything wrong with that. But if you’re feeling off your game, it might be a good time to ask yourself whether you’re primarily a writer of novels or of email messages. Do you generate more IMs than comic panels? Have you drafted more web comments than scenes in your screenplay? Or, for that matter, do you find you’re taking more meetings than photos these days?”
Ganz herzlichen Dank für das Interview, Markus. Es freut mich sehr, dass diesem wichtigen Thema durch Dein Buch mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Weiterlesen: New Work, Mobiles Arbeiten, Führung
Geschrieben von Alexander Greisle am 7. Oktober 2008, Lizenz
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[...]In einem Interview im work.innovation Blog spricht Markus Albers über Feedback, die er und sein Buch in den letzten Wochen bekommen haben und über die Chance zur Verwirklichung seiner Gedanken.[...]
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