Erfolgreiche Gewohnheiten der Digital Natives verändern unsere Art zu arbeiten
Ab und an kann man lesen, dass die Digital Natives die Ureinwohner des Internet seien. Ein schönes Bild, aber falsch. Die Ureinwohner des Internet haben mit Gopher statt dem WWW gearbeiten, dort mit der oft zickigen Veronica noch richtig gesucht statt schnell mal “gegoogelt”, sie haben Filesharing mit FTP betrieben und sie haben Jakob Nielsen als Usability-Guru des Internet verehrt.
Digital Natives sind mit dem Internet aufgewachsen, integrieren die vielen Möglichkeiten wie selbstverständlich in den Lebensalltag. Sie kämen niemals auf die Idee, das Internet als irgendein mehr oder weniger seltsames “Add-on zum realen Leben” zu sehen. Und Digital Natives finden immer noch kursierende Umfragen über die Nutzungshäufigkeit des Internet (“< 1x die Woche, 1x pro Woche, Mehrmals pro Woche (Wow!), 1x pro Tag, Mehrmals pro Tag”) reichlich abstrus.
Das führt dazu, dass sich die vielfältigen Kommunikations-, Zusammenarbeits- und Informationsmöglichkeiten auch in den Arbeitsalltag wie selbstverständlich einfügen. Das nun alleine unter Software- und Technikgesichtspunkten zu sehen springt viel zu kurz. Es geht hier um eine Veränderung der Arbeitskultur:
- Hochgradig vernetztes Arbeiten im Tagesgeschäft, sowohl im Haus als auch extern. Räumliche und zeitliche Grenzen verschwimmen.
- Collaborative Werkzeuge gehören zum Alltag, vom Chat bis hin zum Web-Office.
- Ausgeprägte soziale Netzwerke, die – obwohl oft ausschließlich virtuell – einen höheren Vertrauensbonus haben als unbekannte Kollegen.
- Suchen statt merken. Die Informationsdichte ist viel zu hoch um sich alles zu merken. Statt dessen wird gesucht und gefunden.
- Probieren statt studieren. Hemmungen gegenüber neuen Möglichkeiten sind gering und manchmal unreflektiert, Grenzen werden in Frage gestellt.
- Zusammentragen von Lösungskomponenten statt das Rad neu zu erfinden.
- Hinterfragen und nachrecherchieren von Empfehlungen.
- Hirnforschungen zeigen Veränderungen in den Bereichen der sozialen Verhaltensweisen durch die laufende Reizüberflutung.
- Schnelle, spontane und persönliche Kommunikation statt lang geplanter Meetings.
- Always On kombiniert mit einer flexiblen Zeitauffassung um das Leben in Balance zu halten.
- Multitasking und Kommunikation auf mehreren Kanälen gleichzeitig.
- Schnelles Handeln mit hohem Vertrauensvorschuß in das Internet und den Computer.
Man kann ihn fast körperlich spüren, den Kulturschock für junge Menschen, die mit solchen Verhaltensweisen und allerlei technologischem und methodischem Know-how in unsere Unternehmen kommen. Sie werden durch die traditionellen Arbeits- und Führungsmethoden in vielen Unternehmen schlicht ausgebremst. Natürlich, auch die Digital Natives werden sich anpassen. Was wäre, wenn wir diesen Anpassungsprozess zu gering wie möglich ausfallen lassen? Teams aus erfahrenen Mitarbeitern und Digital Natives sind Powerpakete.
Betrachtet man sich die obigen Punkte, dann ist auch ein anderer Aspekt realistisch: Die Digital Natives, mit der Offenheit des Internets aufgewachsen, nehmen sich die Freiheit, die Arbeitgeber nach seiner Kultur zu selektieren. Bei dieser Gelegenheit werden sie ihn, ganz Internet-Generation, auch noch online bewerten. Das ist aber gar nicht mal der Punkt. Ärgerlich ist, dass dadurch frisches Blut abgeht, neue Impulse und Ideen erstickt werden im Gewohnten. “Das haben wir schon immer so gemacht” als Energiekiller.
Kommen wir zur interessanteren Frage: Was tun? Wie können Sie sich als Unternehmen auf die kommenden Anforderungen einstellen?
- Grundvoraussetzung: Bieten Sie die Werkzeuge an. Widerstehen Sie dabei der Versuchung, mit Einschränkungen zu arbeiten.
- Beschäftigen Sie sich mit den Werkzeugen des Social Web. Dann können Sie mitmachen. Die Hürden sind niedriger als Sie denken.
- Schaffen Sie eine vertrauensvolle Führungskultur. Vertrauensvoll in beide Richtungen.
- Kommunizieren Sie offen und zeitnah. Die Digital Natives sind ohnehin schneller als Sie.
- Legen Sie Wert auf eine gute, wertschätzende Kommunikationskultur untereinander und im Kontakt mit Partnern und Kunden.
- Akzeptieren Sie die neue Offenheit und begreifen Sie sie als Chance. Bisher war das Branchentreffen jährlich, heute ist es permanent.
- Nachhaltigkeit ist kein Diskussionsthema mehr, es ist Kultur. Handeln Sie so, sowohl im Miteinander als auch ökonomisch und ökologisch.
- Schaffen Sie ein Arbeitsplatzmenü, das für alle Anforderungen modernen Arbeitens die richtige Auswahl anbietet. Vom offenen kommunikativen Open Space bis hin zu guten Rückzugsräumen, vom Kreativambiente bis hin zur Arbeit im Home Office und im CoWorking-Ort.
Digital Natives sind flexibel im Denken. Angestelltenverhältnisse sind nur eine mögliche Option für sie. Ob Unternehmen sie dafür gewinnen können, das liegt in der Hand der Unternehmen.
Edit: Stefan List hat in seinem Blog Interessante Zeiten eine lesenswerte Antwort geschrieben.
Weiterlesen: Verhaltensweisen, New Work, Homo Digitas, Social Internet
Geschrieben von Alexander Greisle am 9. Juli 2009, Lizenz
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