Tratsch im Internetzeitalter

“Soziale Netzwerke wie Twitter sind der Alltagstratsch des Internetzeitalters.” und Alltagstratsch ist “…nicht der Rede wert.”

schreibt das Ärzteblatt als Aufhänger in einem Artikel über Twitter anlässlich einer Falschinformation, die sich darüber verbreitet.

Die Aussage ist doppelt falsch.

Erstens ist es natürlich hoch relevant, wenn ein Medium mit der Reichweite und den Mund-zu-Mund-Verbreitungsmechanismen wie Twitter eine Falschmeldung verbreitet. Gerade in einer reputationsintensiven Branche wie der Medizin würde man gut daran tun, mit den Mitteln des jeweiligen Mediums zu reagieren und die Dinge richtig zu stellen. Eine (nicht gerade konstruktive) Meldung in einem Fachorgan wie dem Ärzteblatt ist sicher nicht der adäquate Weg dazu.

Zweitens sind Alltagsgepräche nicht “nicht der Rede wert”. Sehen wir uns andere Orte von Alltagstratsch an:

Kaffeeküchen: Dort fließen im Gespräch wertvolle Informationen etwa zur politischen Großwetterlage in der Firma. Man nennt das Flurfunk, weiß über den Gerüchtefaktor und ist sich einig, dass das ein wertvoller Karrierefaktor ist.

Raucherecken: Raucher zählen gewöhnlich zu den bestinformierten Menschen in Unternehmen. Informelle Gespräche und schnelle, spontane Besprechungen sorgen für Effizienz – genauso wie in den Kaffeeküchen.

Sonntagsspaziergang mit Bekannten: “Du, ich überlege, mir einen neuen Akkubohrschrauber zu kaufen. Du hast doch so ein neues Gerät von Bosch, wie zufrieden bist Du denn damit?” Das ist nicht “nicht der Rede wert” – die Empfehlung ist kaufentscheidend.

Kneipenabend mit Freunden: “Mensch, meine Krankenkasse will jetzt 96 Euro mehr im Jahr von mir haben. Frechheit.” – “Echt, meine nicht” – “Bei welcher bist Du denn?” – “Bei der XYZ” – “Zufrieden?” – “Ja, die übernehmen ohne Probleme und ich nutze ausserdem noch das UVW-Programm von denen.” – “Mensch, das könnte ich auch brauchen. Kannst Du mir mal deren Webseite mailen?”

Alltagstratsch ist alles andere als unrelevant. Und wenn Twitter der Alltagstratsch des Netzes ist, dann ist Twitter hoch relevant.


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5 Responses to Tratsch im Internetzeitalter

  1. Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen :-) Was ich am witzigsten in der Meldung fand:

    “Tweeds, wie die Beiträge oder Updates bei Twitter auch genannt werden,”

    Mir war bis jetzt noch nicht klar, dass der Stoff TWEED damit was zu tun hatte. Ob es wohl demnächst meine Tweets auch in Karo gibt…? *rofl*

  2. Hallo,

    die sozialen Netzwerke sind definitiv Orte für Tratsch, Klatsch und Meinungsaustausch.
    Und es sind auch die Orte (in dem Fall die Medien), über die solche Dinge richtig gestellt werden sollten. Denn “Nicht-Antworten” heißt in vielen Fällen dann “Zustimmen”.

    Habt Geduld, es dauert noch ein wenig, dann werden es auch sie verstehen…

    Stefan

  3. Maria T. says:

    Dieser Beitrag regt zum Nachdenken an. Aber ich glaube, dass die Web 2.0. Tools den Tratsch nicht oder vielleicht nur zum Teil ersetzen. Ich sehe es mehr auch als Ergänzung, jedoch das kann man sicher diskutieren.

    „Durchs Reden kommen die Leute zusammen“ sagt man auf Österreichisch. Das Vernetzen und Aufbauen von Kooperationen ist durch Face-To-Face Kommunikation viel effektiver.

    Und sieht man Tratsch auch als Smalltalk, dann ist diese Zahl von Interesse. Eine Studie hat belegt, dass Mitarbeiter 70 % ihres Wissens aus dem täglichen kleinen Gespräch beziehen (siehe Blogbeitrag http://www.inknowaction.com/blog/?p=313).

    Facebook ist beispielsweise sicher eine brauchbare Ergänzung. Ich selbst profitiere nicht nur vom Tratsch, sondern nutze es auch als „Crowdsourcing“ und hab so schon einige Problemchen gelöst, z.B. „Ist es sinnvoll, dass iPad zu kaufen oder nicht?“, „Brauche einen Fotografen“.

  4. DL says:

    Finde ich sehr smart! Danke für den Beitrag, habe ich bereits an Freunde weitergeleitet. lg DL

  5. Christian says:

    Man könnte fast befürchten, dass heutzutage die alltagskomunikation in der realen Welt durch E-Mail, Twitter und Facebook droht unterzugehen. Der “Copy Coffee Couch” soll abhilfe schaffen ;-)

    http://quatschtronauten.wordpress.com/2010/05/26/copy-coffee-couch/

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